Gipfelglück und wolkenloser Himmel

Der Weg schlängelt sich mal breit und eben, mal schmal und wurzelig immer weiter durch den Südschwarzwald. So langsam wird es Abend und die leichte Brise macht es nun merklich kühl.

Zwölf Stunden zuvor: Es ist Freitagmittag. Nach und nach treffen die Teilnehmer im späteren Ziel auf der Eduardshöhe oberhalb von Freiburg ein. Man beschnuppert sich und knüpft erste Kontakte zu den Wandergefährten und Leidensgenossen der nächsten 24 Stunden. Viele bekannte Gesichter sind unter ihnen, Menschen mit zum Teil jahrelanger 24-Stunden-Wandererfahrung. Doch auch einige neue tummeln sich am Treffpunkt. In ihren Gesichtern spiegelt sich eine Mischung aus Vorfreude auf das Abenteuer und Respekt vor den Herausforderungen, die da warten und noch nicht richtig eingeschätzt werden können.

Petrus scheint auf unserer Seite zu sein: Sonnenschein, wolkenloser Himmel und angenehm kühle Temperaturen – falls das Abenteuer unserer 24 Stunden Wanderung bei einem Teilnehmer nicht wie gewünscht verlaufen sollte trifft das Wetter auf jeden Fall keine Schuld!

Die Busfahrt von Freiburg nach Kandern-Wollbach ermöglicht uns einen ersten Blick auf die drei Gipfel, die wir in den nächsten Stunden erklimmen werden. Ob das für alle motivierend oder doch eher abschreckend ist bleibt ein Geheimnis. Fakt ist: die Strecke erscheint beeindruckend lang!

Ein letzter Gang aufs stille Örtchen, ein Startfoto und schon marschieren die 54 wagemutigen Wanderer mit uns 5 Guides los. Gemütlich bewegt sich die fröhlich plaudernde Gruppe durch die Markgräfler Weinberge. In der Wolfsschlucht vor Kandern gibt es eine kurze Atempause bevor wir dem Duft von Schnitzel mit Spätzle und Soße folgend nach Sitzenkirch weiterziehen. Das üppige Mahl war genau richtig, wie sich bei der nächsten Etappe auf unseren ersten Gipfel, den Hochblauen herausstellt. Da wir der Zeit etwas hinterhereilen macht Annika vorne Tempo. Umso größer ist dafür die Freude, als wir oben ankommen und sich der herrliche Blick über die Rheinebene auf der einen und über grüne Bergrücken auf der anderen Seite eröffnet. Nach dieser wohlverdienten Mini-Siesta in luftiger Höhe füllt Wassertaxi Jörg fleißig unsere Trinkflaschen, ein letzter Blick geht gen Norden, wo Belchen und Schauinsland schon herüberwinken. Da wollen wir hin – wow!

Doch was ist denn das? In einer kleinen Schutzhütte an einer Weggabelung haben sich innenarchitektonische Meister ans Werk gemacht: Rüschengardinen wehen im Wind, der Tisch ist gedeckt mit allerlei Accessoires, es lädt förmlich zum Verweilen ein. Doch nach einer kurzen Rast müssen wir dieses kleine Idyll wieder verlassen, denn im Wanderheim Stockmatt erwarten uns schon eine dampfende Suppe und frischer Kaffee als Stärkung für die Nacht. Die untergehende Sonne begleitet uns auf dem ebenen Streckenabschnitt, sie blitzt immer wieder durch die hohen Nadelbäume und sorgt für den ein oder anderen Zusammenprall, wenn Vordermann oder -frau plötzlich stehen bleibt, um dieses Farbschauspiel zu genießen.

Kuschelig geht’s zu im Wanderheim, denn die Größe unserer Gruppe sprengt förmlich die räumlichen Möglichkeiten. Ein tapferes Grüppchen nimmt seine Suppe auf der Terrasse ein und erhascht noch die letzten Sonnenstrahlen. Und dann ist es Nacht.

Wir ziehen los. Warum liege ich jetzt nicht im Bett? Mein Körper ist verwirrt – wäre jetzt nicht Zeit für süße Träume und weiche Kissen? Die Müdigkeit nimmt zu und doch laufen wir immer weiter und weiter, während der Rest der Welt sich langsam schlafen legt.

Die Wanderung durch die Nacht ist für viele der wohl schwerste Teil, doch zugleich auch der mystischste. Vom Kreuzweg her kommend flackert plötzlich Feuerschein in der Ferne. Was ist denn das? Wahnsinn – ein Lagerfeuer und Fackeln erleuchten den Wanderparkplatz, dazwischen stehen Jörg, ein Kübel heißer Tee und feiner Nusszopf. Genau das Richtige! Das Feuer wärmt die frierenden und müden Körper, die ganze Atmosphäre wärmt das Herz. Es fällt uns schwer, die Rucksäcke wieder zu schnallen und uns an den Aufstieg zum König der Schwarzwaldberge, dem Belchen zu machen.

Doch kaum unterwegs überrascht uns die Natur mit einer anderen Schönheit: der Mond, der uns als stiller Begleiter die Treue hält nimmt von Minute zu Minute ein dunkler werdendes Rot an. Gämse rascheln durchs Gras, ein Reh springt scheu in den schützenden Wald. Wir kraxeln begleitet von all dem fleißig weiter das felsige Weglein nach oben und sehen dabei mit unseren tänzelnden Stirnlampen aus wie eine Glühwürmchenparade.

Oben angekommen gibt es Belchenzauber wie aus dem Bilderbuch: Windstille, ein erstes Morgenrot am Horizont und ein weiter Blick auf die tief schlafende Rheinebene. Eingepackt in dicke Jacken genießen wir diese letzten Minuten der Nacht.

Und schon erwacht die Welt zum Leben, die Vöglein singen und die Wandertruppe kommt wieder in Plauderlaune. Da ist die wanderbegeisterte Birgit aus Bremen, die Deutschland einmal durchquert, um den geliebten Schwarzwald auch auf diese Weise mal kennenzulernen. Eine Gruppe von Freunden aus Heitersheim, die gemeinsam etwas erleben wollen hat Blut geleckt. Doch leider müssen zwei von ihnen feststellen, dass sie sich selbst über- und die Anforderungen, die die Wanderung stellt unterschätzt haben. Die Hybris der fußballspielenden Jugend fordert ihren Tribut in Form von Krämpfen und wunden Füßen und sie bereuen, sich nicht besser vorbereitet zu haben. Fabi ist aus München angereist, um sich der Herausforderung einer kompletten Tageswanderung zu stellen. Andere scheucht die Flucht vor dem alltäglichen Lern- und Arbeitstrubel durch den Schwarzwald, die Franks, Rolfs und wie die Wiederholungstäter alle heißen wissen um die Wirkung der Wanderung und brauchen keine andere Motivation als das unglaublich Gefühl währenddessen und danach. Die Motivationen unserer Teilnehmer sind so vielfältig, interessant und teilweise kurios, dass es gar nicht auffällt, wie viel Wegstrecke wir plaudernd zurücklegen. Gut möglich, dass sich das ein oder andere weitere Gespräch auch um die zwar sehr leckere aber leider den Verdauungstrakt noch immer malträtierende Lauchsuppe dreht.

Apropos Essen: ehe wir uns versehen sitzen wir schon im Gut Lilienfein vor einem unglaublichen Frühstücksbuffet mit Panoramablick über die grünen Hügel und Täler und laben uns an leckeren Brötchen mit frischem Spiegelei, Münstertäler Käs und buntem Obst. Die Hosenbeine werden wieder abgezippt, die Zähne geputzt und wie ganz normale Wanderer machen wir uns in der frühen Morgensonne auf den Weg. Nun beginnt die Leidenszeit, so langsam kommt wohl jeder an seinen Tiefpunkt, egal ob durch Knieschmerz, Blasen oder Müdigkeit. Doch die Willenskraft scheint unversiegbar und so findet jeder wieder einen Weg, sich zu motivieren – und sei es ein Blick auf den lackierten Fingernagel, der an die zu Hause gebliebene Freundin erinnert, die ihren Mädels auf diese Weise mentale Unterstützung mit auf den Weg gegeben hat.

Wer eine solche Wanderung unternimmt weiß irgendwann nicht mehr, was eigentlich noch normal ist und was verrückt. Während in der Ebene das Freiburger Stadtleben pulsiert und die ersten Ausflugstouristen in Flipflops und Stöckelschühchen aus der Seilbahn aussteigen sitzen wir erschöpft und verschwitzt bei einem deftigem Badischen Dreierlei mit Bibiliskäs, Wurstsalat und Brägele zum Mittagessen um 10 Uhr morgens in der Bergstation auf dem Schauinsland. Der blitzschnelle Service trägt Kaffee und Gipfelbier herbei, wir genießen die wahnsinnige Aussicht über Rheinebene und Breisgau und könnten uns kaum etwas Schöneres vorstellen.  

Hoppla, sind wir etwa wirklich schon auf dem letzten Gipfel angekommen? Ist das was man da unten sehen kann wirklich schon die Eduardshöhe und das da links in der Ferne der Blauen, wo wir noch vor einigen Stunden standen? Das Ziel kommt in greifbare Nähe? Die Endorphine schwimmen los und zeigen sich als Wundermittel gegen alles was vom Weiterlaufen abhalten will. Also, auf geht’s zur letzten Etappe.

Was passiert, wenn man fünf kreative und motivierte Wanderführerinnen einen ganzen Tag lang zusammensteckt? Richtig, sie schmieden 23 Stunden lang einen perfekten Plan für die letzte Stunde und erfüllen nicht nur Jörg, unserem Strippenzieher und Mädchen für alles einen Traum. Der heiß ersehnte Zieleinlauf dieses Gruppenerlebnisses sollte gemeinschaftlich erfolgen, mit allen zusammen und egal in welchem Tempo jeder einzelne während der Wanderung unterwegs war. Was für ein Teamgeist sich in dieser Truppe, die sich vor etwas weniger als einem Tag noch völlig fremd war entwickelt hat ist wirklich klasse! Kurz vor der Eduardshöhe wird ein letzter Stopp eingelegt und gemäß dem Motto „die Letzten werden die Ersten sein“ geben nun die Langsamsten das Tempo vor und führen uns ins Ziel. „Normale“ Sonntagswanderer, Familienmitglieder und Schaulustige jubeln uns zu, fotografieren unsere letzten Meter und stehen respektzollend Spalier für unseren finalen Siegeszug gegen steile Berge, Schmerzen und Schlaflosigkeit.

Jubel, Erleichterung, Tränen der Rührung und ein wohl verdientes Schlückchen Belchengeist bilden den krönenden Abschluss der 24-stündigen Schwarzwalderfahrung. Schmerzende Knie, Blasen an den Füßen und die unendliche Müdigkeit scheinen für einen Moment vergessen. Alle liegen sich in den Armen und streifen stolz das Finisher-Shirt über und können es kaum glauben, wirklich angekommen zu sein. „Ihr seid Helden“ steht auf einem Plakat, mit dem die Freundin eines Teilnehmers ihn und seine Kameraden in Empfang nimmt. Wie Recht sie damit hat!

Wir ziehen den Hut vor dieser fitten Truppe, die – ob Ultraläufer oder Wanderneuling –  ohne große Stimmungstiefs und Leistungseinbrüche die Höhen des Südschwarzwaldes erklommen und tapfer der wachsenden Müdigkeit getrotzt hat. 24 kurzweilige, sympathische und erinnerungswürdige Wanderstunden machen jetzt schon richtig Lust auf mehr im Jahr 2019!