Regenjacke im Dauertest

Zwischen Rucksack und Regenjacke hat sich ein dünnes Rinnsal gebildet. Tröpfchenweise sucht sich das Regenwasser in der Nacht seinen Weg den Rücken hinunter, um schließlich die Wanderhose Tropfen für Tropfen zu durchnässen. So ähnlich schildert mir eine Teilnehmerin unserer 24-Stunden-Wanderung den Aggregatszustand ihrer Kleidung, während wir Schritt für Schritt von Menzenschwand nach Bernau durch die nasse Nacht wandern.

Auch meine Wanderhose fühlt sich alles andere als angenehm an. Erst im strömenden Regen und viel zu spät habe ich die Regenhose übergezogen. Das hat zum Ergebnis, dass die feuchte Wanderhose unter der Regenhose klebt. Bäh! Unserem Teilnehmer Ernst aus Gengenbach ist das wurscht. Er scheint regen- und kälteresistent zu sein. Jedes Jahr durchwandert er die Nacht aufs Neue in kurzen Hosen – ohne Rücksicht auf jegliche Wetterkapriolen. Dagegen steht Sabrina aus Sinzheim bei unserer späteren Pause am Hochkopf wie angewurzelt – oder, um es passender auszudrücken - wie festgefroren da. Ob ihres bleichen Anblicks frage ich sie besorgt, ob sie noch etwas zum Überziehen dabei habe. Sie hat tatsächlich noch trockene und warme Kleider im Rucksack, aber dafür müsste sie sich ja ausziehen, nachdem sie kurz zuvor im Wald nach eigener Aussage schon „Eiswürfel gepinkelt hat“…!

Schnell wird klar: das sinnvollste Accessoire dieser 24-Stunden-Wanderung von Löffingen nach Schönau ist der Schirm! Was ich selbst vor einigen Jahren noch als uncool, unsportlich und unpraktisch abgetan habe, ist nun erstmals bei einer 24-Stunden-Tour auch mein treuer Begleiter. Zumal Petrus uns vor allem zu Beginn unserer Wanderung durch die Wutachschlucht zu veräppeln scheint. Immer wieder öffnen sich plötzlich die Schleusen und es kommt ein riesiger Guss vom Himmel, der uns alle schleunigst die Regenjacken und Ponchos überziehen lässt. Doch nur nach wenigen Schritten, die wir raschelnd unter unserer Regenmontur fortgesetzt haben, endet der Schauer so abrupt, wie er angefangen hat. Durch das ständige Auf und Ab durch die Schlucht, ist es nicht ratsam, die warmen Regenklamotten anzubehalten, da wir sonst auch noch von innen dampfen. Also…wieder alles aus…in den Rucksack verstauen…und bei der nächsten Petrus-schen Laune alles wieder von vorne…! Ein Hoch auf den Schirm, der sich einfach schnell auf- und zumachen lässt!

Begonnen haben wir das Ganze in diesem Jahr in Göschweiler bei Löffingen – entgegen der schlechten Wetterprognosen – bei strahlendem Sonnenschein. 45 muntere Wanderer machen sich mit vier Guides auf den Weg, die Strecke durch die Wutachschlucht, vorbei am Schluchsee bis ins Obere Wiesental zu bezwingen. Gleich zu Beginn tauchen wir ein in die Wutachschlucht. Wie eine Perlenkette aneinandergereiht, marschieren wir auf schmalen Pfaden entlang des Wassers. Obgleich wir eine große Wandergruppe sind, geht es sehr ruhig und idyllisch zu. Wir genießen das Rauschen des Wassers, das Zwitschern der Vögel und bewundern das satte Grün der wunderschönen Pflanzenwelt. Viel Raum für Geplapper bleibt zu Beginn nicht, da wir die schmalen und teils rutschigen Wurzelwege im munteren Auf und Ab konzentriert gehen müssen. Immer mal wieder wird die Idylle von einem Donnergrollen aus der Ferne durchbrochen. Doch das Gewitter scheint noch weit weg zu sein. Nur der Regen dringt immer wieder durch das saftige Grün der Bäume und Blätter zu uns durch.

In Lenzkirch erwartet uns die erste Einkehr. Wir stärken uns mit Schnitzel, Pommes, Salat und Spätzle im Hotel Schwörer, während draußen nun der Regen so richtig ablädt. Die größte Herausforderung für unsere beiden Teilnehmerinnen aus Lenzkirch ist es nun, mit uns weiterzugehen und nicht nach Hause abzubiegen…!

Nun geht es immer wieder bergauf und der steilste Anstieg der Tour erwartet uns kurz vor Fischbach. In den vorderen Reihen wird trotz des Anstiegs nun auf breiten Wegen munter erzählt und geplappert. Junge Teilnehmer vermischen sich mit den Älteren, Süddeutsche mit Nordlichtern und erfahrene Teilnehmer mit Neulingen. Eine besondere Verbundenheit und Gruppendynamik ist von Beginn an zu spüren.

Schon bald haben wir den idyllischen Windgfällweiher erreicht. Er steht, wie ich finde, etwas zu unrecht im Schatten seines benachbarten Schluchsees. Der ist zwar größer, aber auch beim Windgfällweiher würden wir bei seiner Größe immerhin 260 Jahre stehen, um ihn mit einem Gartenschlauch zu füllen, wie wir beim Kulturblock der Guides lernen! Gerne machen wir hier Halt und lassen uns die feine Kartoffelsuppe und ein riesiges Stück Kuchen im Seehof schmecken. Das soll uns durch die Nacht bringen.

Weiter geht es – wie soll es nach dem Essen sein – wieder bergauf. Unterwegs werden wir bei einsetzender Dämmerung und herrlichem Mondlicht mit einem tollen Ausblick auf den Schluchsee belohnt. Nachdem sich das Kilometerkonto zu Beginn durch die schmalen Wanderwege der Schlucht nur langsam gefüllt hat, spulen wir jetzt auf einem breiten, moderat ansteigenden Weg, Kilometer um Kilometer ab. Mächtig zeigen sich am Wegesrand die stolzen Fichten und immer dunkler wird die Nacht. Viele Frösche kreuzen den Weg und ein Füchsle springt angesichts unserer Wandergruppe schnell in das schützende Dickicht des Waldes. Es folgt ein langer, rutschiger Abstieg auf schmalen Wurzelpfaden hinab nach Menzenschwand. Die Stirnlampen tanzen durch die Nacht und wir fühlen uns wie Glühwürmchen. Ruhiges, konzentriertes Gehen ist angesagt. Keiner schimpft wegen der schwierigen Bedingungen. Auch nicht, als wir in Menzenschwand von einem richtigen Regenguss erwischt werden. Es hilft ja auch nichts. Petrus hat das Sagen und wir wollen weiterziehen.

Unter dem Schutz eines großen Tankstellendaches machen wir in Bernau 15 Minuten Pause. Alles andere als idyllisch, aber das ist uns in dem Moment sowas von egal!

Ausgerechnet nachts marschieren wir durch das Bernauer Hochtal – das bekannt dafür ist, immer wieder die Kälterekorde im Schwarzwald zu brechen. Der Atem raucht und wir ziehen durch die Nacht. Noch immer ist das „Heigumper-Fescht“ des örtlichen Musikvereins zu Gange und unsere zwei Bernauer Teilnehmer, Stefan und Uwe können sich nur schwer beherrschen, nicht auf ein Bierchen dort abzubiegen. Für uns wartet am Loipenzentrum aber eine ganz andere Überraschung: unsere Engel der Nacht, Julia und Miriam, die mit dem Logistikfahrzeug im Hintergrund die Fäden ziehen, haben ein uriges Buffet mit Nusszopf und heißem Tee für uns bereit gestellt; romantisch beleuchtet durch Fackeln, deren Licht in der kühlen Nachtluft flackert. Kurz zuvor haben wir noch einen kurzen Sternenhimmel-Stopp eingelegt. Die Wolken hatten sich kurzzeitig verzogen. Die leuchtenden Sterne zeigen sich uns eindrucksvoll. Der große Wagen scheint zum Greifen nah und die Raumstation ISS rauscht gut sichtbar über uns hinweg.

Auf wohltuend angenehm weichen Waldboden führt uns der Bernauer Zauberwald zum Anstieg auf den 1.263 m hohen Hochkopf. Vor mir taumelt Matthias aus Worms, der sich schon zum zweiten Mal auf das Abenteuer 24-Stunden-Wanderung eingelassen hat. Später berichtet er mir, dass er vor Müdigkeit halluziniert hat, mitten im Wald Häuser und Mauern gesehen hat. Als wir am Hochkopfturm oben angekommen sind, war er heilfroh, dass sich da im Wald tatsächlich ein Turm in die Höhe streckt und es keine Halluzination war. Schlagartig war er wieder wach, voll da und lustig wie eh und je!

Wir stehen am Hochkopfturm. Es ist Sonnenaufgang. Aber wir sehen ihn nicht. Es ist wolkenverhangen, neblig und kalt. Trotzdem kommen allmählich die Lebensgeister zurück mit jeder Minute, die es heller wird und mit jedem Moment, dem wir dem wärmenden Kaffee näherkommen. Nur noch eine Stunde bis zum großen Frühstückbuffet, das uns im Waldfrieden in Herrenschwand erwartet. Der Name ist hier Programm. Denn so einen großen inneren Frieden, wie wir nach Kaffee, Weckle und Müsli empfinden, gab es schon lange nicht mehr!

Und die Euphorie wird immer größer. Noch alle Teilnehmer sind dabei. Keiner hat bislang aufgegeben. „Und wenn jetzt noch jemand meint, in den verbleibenden sechs Stunden aufgeben zu müssen, dann lassen wir ihn mit unserer Gruppendynamik überhaupt nicht raus“, ertönt es am Nebentisch. So gefällt mir das! Erst einmal haben wir es in all den Jahren geschafft, alle Teilnehmer ins Ziel zu bringen. Aber heute wird wieder so ein Tag. Da sind wir Guides uns ganz sicher!

Über eine herrliche Kuhweide mit fantastischen Ausblicken hinunter ins neblige Tal und hinüber zum Zeller Blauen, nehmen wir die nächste Etappe in Angriff.

Insgesamt knapp 60 km und ca. 2.000 Höhenmeter werden am Ende der Tour zu Buche schlagen. Auch wenn nun vergleichsweise „nur noch“ 12 km bis ins Ziel zu absolvieren sind, so kämpfen nun doch einige Teilnehmer mit Rückenschmerzen, Blasen an den Füßen, mit der Moral und mit der Frage, „was mache ich hier bloß“! Und da sind auch noch die eigentlich harten Jungs, die sich vor lauter Schmerzen nur noch mit einer Art Sambaschritt fortbewegen können. Aber Aufgeben ist keine Option. Weiter geht’s!

Endlich ist uns auch der Wettergott hold. Die Sonne scheint und unsere Gemüter gleich mit. So langsam ist uns klar, dass wir es alle ins Ziel schaffen. Auch wenn sich der Weg nun noch zieht. Ein steiler Abstieg führt uns ins Gasthaus Hirschen in den Fröhnder Ortsteil Kastel; oder wie die Kenner sagen: zum Bulli nach Kaschtel! Wurstsalat, Bibiliskäs und Brägele bilden den krönenden Abschluss der Tour. Nur noch 3 km bis zum Ziel. Ein Klacks! Daher wird an fast allen Tischen schon ganz feierlich mit (alkoholfreiem?!) Bier angestoßen. Für Markus aus Zell ist das Ende der Tour ein Heimspiel. Es wären für ihn nur noch ein paar Kilometer in die andere Richtung nach Hause, aber den Zieleinlauf mit uns lässt er sich natürlich nicht mehr nehmen.

Wir Guides – Kim, Markus, Ann-Kathrin und Paddy – sind jetzt schon völlig aus dem Häusle, dass wir alle Teilnehmer ins Ziel bringen. Die letzten Kilometer nach Schönau werden zum Triumphmarsch. Gemeinsam beenden wir die Tour. Alle 45 Teilnehmer marschieren zusammen durch die roten Flaggen des Ziels, wo uns Julia und Miriam freudestrahlend in Empfang nehmen. So ein schöner Moment. So ein wundervolles Gruppenerlebnis. Von oben bis unten habe ich eine Gänsehaut. Guides und Teilnehmer liegen sich voller Freude und voller Stolz in den Armen.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich das schaffe“, umarmt mich Carola aus Bad Zwischenahn, während ihr Tränen die Wange herunterrinnen. Gekämpft hat sie und den inneren Schweinehund überwunden. „In der Nacht habe ich mir noch gesagt, das ist aber das letzte Mal, dass ich mitmache“, gesteht mir Manuela, die zum vierten Mal dabei ist. „Aber ich glaube, jetzt habe ich meine Meinung schon wieder geändert“. Simone aus Kirchhofen fragt mich allen Ernstes, ob ich mit ihr noch nach Hause wandere, da wir von Schönau aus einen ähnlichen Heimweg haben. Der ist noch ca. 30 km lang. Sorry, Simone, heute nicht mehr...! Und auch andere Teilnehmer lassen durchblicken, dass sie noch weitergekonnt hätten. Frank aus dem Münstertal sowieso; für den war die Tour ein Regenerationslauf, nachdem er vor zwei Wochen noch über 170 km in 28 Stunden gelaufen ist. Und unsere zwei Bernauer Teilnehmer, Stefan und Uwe, die normalerweise als Schneeschuhguides im Winter Gäste aufs Herzogenhorn führen? Die sind auch rundum zufrieden und glücklich, zum ersten Mal so weit gewandert zu sein. Dirk und Karsten aus Iserlohn sowie Günther aus Eimeldingen, die allesamt zum fünften Mal dabei waren, freuen sich schon tierisch auf die Jubiläumstour im nächsten Jahr, wenn wir zum zehnten Mal eine 24-Stunden-Wanderung starten. Bis dahin haben wir noch genügend Zeit, uns eine Antwort zu überlegen, auf die immer wieder gestellte Frage: „Warum machst du das eigentlich?“ Ich bin mir sicher, die Antwort bekommst du immer wieder im Ziel!